Zentrenbildung, Wohnortnähe, Mindestmengen – die Zukunft der Krankenhausversorgung

In Dänemark läuft es so ganz anders als bei uns: Dort gibt es bald nur noch halb so viele Kliniken wie noch 2010 – und das in breitem gesellschaftlichen Konsens. Überall dort, wo die Nachbarn im Norden derzeit eine der 21 geplanten zentralen Großkliniken bauen, fallen in der Umgebung teilweise bis zu vier oder fünf kleine Krankenhäuser weg. Hierzulande ist das politisch nicht durchsetzbar: Als vor einem Jahr eine Studie der Bertelsmannstiftung eine ähnlich lautende Empfehlung zum Abbau von Krankenhausstandorten auch bei uns gab, führte das nur zu einem Sturm der Entrüstung, die Kliniken existieren jedoch weiter. Und so wachsen die Unterschiede: Deutschland hat derzeit 8 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner, Dänemark nur noch 2,6. Die Dänen werden dadurch jedoch nicht etwa kränker: Ihre Lebenserwartung ist sogar etwas höher als bei uns.

Dänemark reformiert jedoch nicht nur seine Krankenhauslandschaft, sondern intensiviert zugleich auch Integrierte Versorgung, Digitalisierung und Notfallmedizin. Vernetzung und Datenaustausch zwischen Leistungserbringern führen zu reibungslosen Übergängen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, wo in Deutschland Sektorengrenzen unüberwindliche Probleme auslösen. Längere Anfahrtswege zu den Kliniken im Notfall kompensieren mehr Krankenwagen und Rettungshubschrauber, die besser ausgestattet und digital vernetzt sind. Die Behandlung kann sofort beginnen. Diagnostische Daten werden bereits während der Anfahrt ins Krankenhaus übertragen.

Das Hauptargument der dänischen Politik war aber nicht etwa Geld – sondern die Qualität der medizinischen Versorgung. Denn längst ist klar, dass moderne Spitzenmedizin vor allem zwei Voraussetzungen hat: bestmögliche Klinikausstattung und hinreichende Erfahrung der Mediziner mit bestimmten Krankheitsbildern oder Operationsmethoden. Deutschland hat deshalb im Frühjahr 2018 ein Verfahren zur Festlegung von Mindestmengen eingeführt. Bleibt ein Krankenhaus mit seinen Fallzahlen darunter, darf es die entsprechende Therapie nicht anbieten.

Aber um jeden einzelnen Wert wird heftig gerungen und so gelten Mindestmengen – obwohl auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft sie „für ein anerkanntes Instrument der Qualitätssicherung“ hält – erst gerade einmal für sieben von potenziell hunderten von Behandlungsmethoden. Welche Brisanz in jeder einzelnen Mindestmengenfestlegung steckt, belegt ein Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses vom Mai an das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen: Es soll erst einmal ermitteln, „wie viele Krankenhausstandorte bei verschiedenen Mindestmengenhöhen von der Versorgung ausgeschlossen werden“.

Das hoch umstrittene Thema „Die Zukunft der Krankenhausversorgung“ diskutieren beim Europäischen Gesundheitskongress München: Nanna Skovgaard, Referatsleiterin im Dänischen Gesundheitsministerium, Dr. Christof Veit, Leiter des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, Jörg Manthey, Teamleiter Krankenhausstrategie der Techniker Krankenkasse, Patrick Miljes, Bereichsleiter Firmenkundengeschäft der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, Dr. med. Susanne Johna, Erste Vorsitzende des Marburger Bundes, Prof. Dr. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender des Klinikum Nürnberg, und - als Moderator - Thomas Rüger, Partner der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

An drei Tagen, dem 26. bis 28. Oktober stehen viele weitere spannende und kontroverse Themen auf der Agenda des Europäischen Gesundheitskongress München. Dazu gehören die Lehren aus Corona, eine klügere Standortpolitik vor dem Hintergrund von Lieferengpässen bei Medikamenten und die Krise der Rehakliniken.

Erstmals findet der Kongress als digitale Veranstaltung statt. Alle Sessions werden als Webseminar via GoToWebinar im Internet übertragen. Die Teilnahme ist kostenlos, nur eine Online-Registrierung ist erforderlich. Sie kann unter folgender Adresse vorgenommen werden:

www.gesundheitskongress.de/teilnahme

Zurück