Gesundheitsministerium zur Digitalisierung: Deutschland muss sich „dramatisch entwickeln“

München, 26. September 2019 – Der Chefstratege für Digitalisierung des Bundesgesundheitsministeriums, Gottfried Ludewig, hat in einem eindringlichen Appell zu einer beschleunigten Nutzung digitaler Technologien im deutschen Gesundheitswesen aufgerufen. Deutschland müsse sich „dramatisch entwickeln“, so der Berater von Gesundheitsminister Jens Spahn auf dem Europäischen Gesundheitskongress München. Keiner möchte, dass die Angebote des Silicon Valley jene des SGB V ersetzen: Keiner wolle eine Amazon-Krankenkasse. Doch die gebe es schon. „Dann kommt eben die Veränderung von außen, weil wir sie nicht aufhalten können. Und dann werden die Rahmenbedingungen von Institutionen gelebt und gesetzt, die wir nicht beeinflussen können.“ So habe das elektronische Rezept jetzt besondere Priorität, denn „es kann doch nicht wahr sein, dass wegen Fehlmedikation in Deutschland deutlich mehr Menschen sterben als im Autoverkehr und wir achselzuckend daneben sitzen.“

Ludewig mahnte auch einen anderen Umgang mit dem Datenschutz an. Seit 18 Monaten versuche die Medizininformatik-Initiative der deutschen Bundesregierung mit 16 Landesdatenschutzbeauftragten eine einheitliche Einverständniserklärung für medizinische Forschung hinzubekommen. „Das kann nicht angehen. Wir müssen schneller werden! Die Welt wartet nicht darauf, dass wir ein einheitliches Einverständnisformular haben.“ Digitalisierung sei nichts Schlimmes, Digitalisierung sei etwas, „das Leben retten kann“.

Auch die anderen Redner gingen während der Eröffnungsveranstaltung des Europäischen Gesundheitskongresses auf die Schwierigkeiten der Digitalisierung des Gesundheitswesens ein.  Auch Clemens M. Auer, Digitalisierungsplaner im österreichischen Gesundheitsministerium betonte, dass der Staat intensiv Einfluss nehmen müsse: Österreich sei Deutschland zwar zwei Schritte voraus. Dennoch habe sich auch in Österreich gezeigt, dass der Anschluss vieler Leistungserbringer ein schwieriges Unterfangen sei, denn das Gesundheitssystem sei fragmentiert. Im Business Model eines Hausarztes käme Datenaustausch nicht vor. Der Staat müsse deshalb eine Lenkungsfunktion übernehmen, denn es gebe ein öffentliches Interesse: „Das Zauberwort ist Interoperabilität!“ Nur wenn die Rahmenbedingungen sichergestellt seien, könne Datenaustausch flächendeckend stattfinden. Immerhin habe die Europäische Kommission kürzlich ein Papier vorgelegt, dass hier allererste Schritte auf europäische Ebene vorsehe, die „Recommendation on a European Electronic Health Record exchange format“. Wenn die Digitalisierung in öffentlichem Interesse sei, dann gebe es aber auch die Verpflichtung der öffentlichen Hand, in die digitale Infrastruktur zu investieren. Dazu sei auf der europäischen Ebene jetzt ein „kleiner Coup gelungen“, indem von der EU auch dazu eine Guideline publiziert worden ist.

Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml hob hervor, Herr der Daten müsse der Patient sein. „Wenn wir das mitdenken, dann ist die Bereitschaft mitzuwirken im Bereich der Technik und der Digitalisierung bei den Menschen da.“

Die spanische Politologin Lorena Jaume-Palasí von The Ethical Tech Society legte dar, dass Algorithmen nicht neutral seien.  Künstliche Intelligenz sei nicht intelligent, sondern sei sehr gut darin Muster zu erkennen. Wenn wie geschehen eine Auswertung großer Mengen biometrischer Daten einen Zusammenhang zwischen den Längen der Nasen und Ohren einerseits und der Sexualität andererseits ermittele, sei das schlicht unwissenschaftlich. Bei der Anwendung von Algorithmen müsse immer gefragt werden: „Führt diese Maßnahme, die ich jetzt mache, zu einem erhöhen sozialen Zusammenhalt oder nicht?“

Beim Europäischen Gesundheitskongress München, der heute und morgen stattfindet, treten rund 150 Referenten auf, die zu den Vordenkern im Bereich der Gesundheitsversorgung gehören. Sie diskutieren mit insgesamt über 1.000 Kongressbesuchern gesundheitspolitischen Fragen, denen sich Krankenhäuser, Reha-Kliniken, niedergelassene Ärzteschaft, Pflege und die gesamte Gesundheitswirtschaft zu stellen haben.

Bildmaterial zur Eröffnungsveranstaltung (für Medien kostenlos):

https://www.flickr.com/photos/137630480@N06/albums/72157711072779523

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