Pharmastandort Deutschland: Ende der Globalisierung?

Ende April, als über 2.000 Covid-19-Patienten in deutschen Kliniken beatmet werden mussten, schien die Versorgung mit dafür notwendigen Medikamenten kurz vor dem Zusammenbruch. Das Narkosemittel Propofol war knapp und das Kreislaufmittel Arterenol ebenso. Lieferengpässe bei Arzneimitteln hatten schon vorher massiv zugenommen: von 40 im Jahr 2015 auf derzeit über 300 Medikamente. Millionen deutscher Patienten müssen auf Ersatzpräparate ausweichen, die oft nur umständlich zu beschaffen sind. "Die Lieferengpässe bei Impfstoffen beunruhigen mich sehr", wird Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt zitiert.

Gravierendste Ursache für Lieferengpässe ist, dass manche Wirkstoffe wegen hohem Preisdruck nur noch in Niedriglohnländern produziert werden – oftmals sogar nur noch von einem einzigen Hersteller. Und der kann unter Umständen die schlagartig steigende Nachfrage nicht bedienen oder wegen technischer Probleme in der Produktion nicht die gewohnte Menge liefern. Handelsbeschränkungen während der Corona-Pandemie verschärfen die Situation noch.

Vielfach wird nun die Rückholung der Produktion wichtiger Wirkstoffe nach Europa gefordert. So hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte seit Juli einen Beirat, der besonders relevante Substanzen benennen soll, um sie in Europa zu produzieren. Ein gutes Dutzend Wirkstoffe steht schon auf der Liste des Gremiums.

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller warnt jedoch vor „Gerede vom Ende der Globalisierung“. Verbandspräsident Han Steutel betont, dass die Abhängigkeit auf Gegenseitigkeit beruhe: Zwar sei Deutschland von Wirkstoffimporten aus Indien und China abhängig, beide Länder aber auch von Importen hochwertiger Arzneien aus Deutschland – etwa Onkologika. Der Wert deutscher Exporte nach Indien und China sei doppelt so hoch wie jener der Importe aus beiden Ländern. Die deutsche Wirtschaft profitiere also von der Globalisierung. Statt Rückholung der Produktion präferiert Steutel, in Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern die Lieferfähigkeit ausreichend zu berücksichtigen. Anstatt ältere Wirkstoffe wieder im Lande zu produzieren, sollte Deutschland sich besser darauf konzentrieren, den technologischen Vorsprung durch „kluge Industriepolitik“ zu halten.

Selten zuvor stand Industriepolitik so im Blick der Öffentlichkeit. Beim Europäischen Gesundheitskongress München wird das Thema „Forschungs- und Innovationsstandort Deutschland und Europa – wichtige Lehren aus der Coronakrise“ von einer exzellent besetzten Runde diskutiert: Prof. Dr. Angelika Niebler, Mitglied des Europäischen Parlaments, Prof. Dr. Christof von Kalle, Berlin Institute of Health und Charité Berlin, Marco Wanderwitz, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Dr. Sabine Nikolaus, Landesleiterin Deutschland der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH, Christine Aschenberg-Dugnus, Gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Prof. Dr. Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller und - als Moderator - Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der ÄrzteZeitung.

Natürlich stehen noch viele weitere spannende und kontroverse Themen auf der Agenda des Europäischen Gesundheitskongress München am 26. und 27. Oktober 2020. Zur kostenlosen digitalen Teilnahme ist eine vorherige Online-Registrierung erforderlich - unter: www.gesundheitskongress.de/teilnahme

 

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