Pflege von morgen oder Deprofessionalisierung?

Viele Jahre war gar nichts passiert: Seit 2012 ermöglichte ein Gesetz, dass Pflegefachkräfte, soweit sie dafür ausgebildet sind, bestimmte Tätigkeiten übernehmen, die bis dato Ärzten vorbehalten waren – zunächst im Rahmen von Modelprojekten. Doch niemand stellte in den folgenden sieben Jahren einen Antrag für ein solches Projekt der Heilkundeübertragung.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, bis 2018 Präsident des Deutschen Pflegerats, kritisierte Anfang des Jahres als Ursache „vehemente Widerstände“ aus der Ärzteschaft. Denn die warnt vor „Gefährdung der Patientensicherheit“ und „Deprofessionalisierung“. Westerfellhaus plädiert, wie eine breite Mehrheit aller Fachleute, vor allem deshalb für Heilkundeübertragung, weil damit der Pflegeberuf aufgewertet und somit in Zeiten des Pflegenotstands attraktiver bei der Berufswahl würde.

Es gibt aber einen weiteren Grund: Mehr Kompetenzen für die Pflege wären auch deshalb wichtig, weil Deutschland sich zwar intensiv darum bemüht, Fachkräfte im Ausland anzuwerben, im Wettbewerb mit anderen Ländern aber oft das Nachsehen hat. So seien, berichtet der Personalfachmann einer deutschen Klinik, spanische Pflegefachkräfte nur vorübergehend in sein Haus gekommen, weil sie sich mit der Berufserfahrung auf einer hiesigen Intensivstation schließlich bessere Chancen auf dem englischen Arbeitsmarkt versprachen. Eine Personalerin einer anderen Klinikgruppe berichtet von Problemen mit akademisch ausgebildeten Pflegefachkräften aus dem Ausland, die überrascht seien, wenn sie hier Patienten waschen oder ihnen Essen geben sollen. In ihrer Heimat sei das Aufgabe von Pflegehilfskräften. Viele gingen deshalb lieber gleich nach Skandinavien, Österreich oder Großbritannien. Für Rainer Ammende, Leiter der Münchner Klinik Akademie, gibt es nur eine Lösung. "Nur wenn die Löhne steigen, und man die Pfleger hier entlastet, werden wir auch als Anwerbeland wieder attraktiv."

Das Problem ist mittlerweile so dringlich geworden, dass Bundesgesundheitsministerium und Kuratorium Deutsche Altershilfe vor einem Jahr das Deutsche Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen eingerichtet haben, das sich für eine bessere Integration internationaler Pflegefachkräfte stark macht.

Mit dem ersten Pandemie-Gesetz wurde zunächst Wirklichkeit, worum man Jahre gerungen hatte: Pflegekräfte dürfen nun unter bestimmten Voraussetzungen heilkundliche Tätigkeiten, etwa bei der Versorgung chronischer Wunden oder bei Diabetes, ausüben – allerdings nur befristet bis März nächsten Jahres. Ob die Regelung danach bestehen bleibt, ist derzeit hoch umstritten.

Pflege auf dem Weg nach morgen!“ ist eine Diskussion zu diesem Thema betitelt, die im Rahmen des Europäischen Gesundheitskongresses München stattfindet. Mit dabei: Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung, Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen, Ingeborg Germann, Projektleitung, Deutsches Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in den Gesundheits- und Pflegeberufen, und – als Moderator – Rainer Ammende, Leitung, München Klinik Akademie.

An zwei Tagen, dem 26. und 27. Oktober stehen viele weitere spannende und kontroverse Themen auf der Agenda des Europäischen Gesundheitskongress München. Dazu gehören die Lehren aus Corona, die viel diskutierte Struktur des Krankenhaussektors, eine klügere Standortpolitik vor dem Hintergrund von Lieferengpässen bei Medikamenten und die Krise der Rehakliniken.

Erstmals findet der Kongress als virtualisierte Veranstaltung statt. Alle Sessions werden als Webseminar via GoToWebinar im Internet übertragen. Die Teilnahme ist kostenlos, nur eine Online-Registrierung ist erforderlich. Sie kann unter folgender Adresse vorgenommen werden:

www.gesundheitskongress.de/teilnahme

Wir freuen uns auf Sie!

 

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