Gesundheitsministerium: Zur Digitalisierung gehört Interoperabilität

Ziel der Regierungspolitik bezüglich der Digitalisierung des Gesundheitswesen ist es, wirkungsvolle Vorgaben zur Schaffung klarer Standards für den automatisierten Datenaustausch zwischen den Datenbanken in der Gesundheitswirtschaft zu machen. „Wenn wir nicht dahin kommen, dass die IT-Systeme interoperabel sind, dann wird all das nicht möglich sein, was wir uns von der Digitalisierung erhoffen“, sagte Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter für Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, heute auf dem Europäischen Gesundheitskongress München.

Bereits am Eröffnungstag des Kongresses hatte sich Tino Sorge (CDU), Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages, dafür ausgesprochen, dass die verschiedenen, derzeit von Krankenkassen geschaffenen Systeme elektronischer Patientenakten miteinander kompatibel sein müssten. Denn nur so könnten Patienten auch künftig problemlos die Kassen wechseln und dabei ihre Gesundheitsdaten mitnehmen.

Die Bedeutung der Interoperabilität hob auch Sandra Särav vom CIO Office des estnischen Wirtschaftsministeriums hervor. Estland ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung:  In dem baltischen Staat sind bereits 97 Prozent der Gesundheitsdaten digitalisiert.  Es gebe aber, so Särav, keine zentrale Speicherung, sondern jede Datenbank könne Daten bei anderen Datenbanken automatisiert abrufen. Erst dies ermögliche, was in Estland Standard sei:

So verbindet etwa der Arzt eine Verschreibung von Medikamenten per Computer mit der persönlichen Identifikationsnummer des Patienten. Der müsse dann nur zur Apotheke gehen, wo die Verschreibung bereits digital vorliege. Oder: Notfallhelfer könnten beispielsweise sofort über die im Ausweis ablesebare persönliche Identifikationsnummer die Blutgruppe, etwaige Allergien sowie vorangegangene Medikationen und Behandlungsmaßnahmen eines Patienten ermitteln und gegebenenfalls schon vor der Einlieferung an das Notfallkrankenhaus übertragen.

Das estnische System erfreut sich bei der Bevölkerung  großer Zustimmung, Misstrauen im Hinblick auf unzureichenden Datenschutz sei extrem selten. Grund dafür sei, dass jeder Zugriff auf die Daten eine Spur erzeuge. Wenn der Patient später einen unberechtigten Zugriff sehe, könne er dem nachgehen.

Auch Dr. Carlo Conti, ehemaliger Vorsteher des Gesundheitsdepartements im schweizerischen Kanton Basel Stadt, hob ebenfalls die Bedeutung interoperabler Vernetzung hervor. Auch das elektronische Patientendossier in der Schweiz, das Krankenhäuser bis 2020, Pflegeheime und Geburtshäuser bis 2022 einzuführen hätten, bestehe aus einer Verbindung dezentral gespeicherter Informationen.

An die vom Gesetzgeber geforderte Interoperabilität der Systeme hielten sich jedoch nicht alle Anbieter. Sie versuchten vielmehr, ihre Marktpositionen zu schützen, indem sie Interoperabilität teilweise ausschlössen. Der Digitalisierungsgrad des Gesundheitswesens in der Schweiz liege derzeit erst bei 24 Prozent, das sei weitaus weniger als etwa in der Finanzbranche üblich. Einen Grund dafür sieht Conti im Widerstand der Ärzteschaft, die eine intensivere Qualitätskontrolle über Leistungen ablehne.

Dr. Peter Gocke, Chief Digital Officer der Charité Berlin, sprach sich dafür aus, Druck auszuüben, wenn Leistungserbringer Gesundheitsdaten nicht interoperabel zur Verfügung zu stellen. Zuschüsse für die Anschaffung von Hard- und Software zum Anschluss an die Telematikinfrastruktur müssten Jahr für Jahr gesenkt und nach einiger Zeit in Honorarabzüge umgewandelt werden. „Auf Freiwilligkeit haben wir jetzt fünfzehn Jahre gewartet“, so Gocke.

Der Europäische Gesundheitskongress München ging am Nachmittag mit einem Teilnehmerrekord zu Ende. 1.200 Besucher diskutierten zwei Tage lang unter dem Motto „Aufbruch im Gesundheitswesen“ schwerpunktmäßig die gravierenden Veränderungen, die von der digitalen Revolution auf die Gesundheitssysteme in Europa ausgehen.

Außer dem dominierenden Thema Digitalisierung standen viele weitere Zukunftsfragen des Gesundheitswesens auf der Tagesordnung. Dazu zählten etwa die Pflege, der Personalmangel in Gesundheitsberufen, die Veränderungen im Krankenhausmarkt, die neue elektronische Patientenakte „Vivy“ und der politisch umstrittene morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich unter Krankenkassen.

Impressionen vom Kongress finden Sie in unserem Fotostream: https://tinyurl.com/egkm2018

Der nächste Europäische Gesundheitskongress München findet am 26. und 27. September 2019 statt. Seien Sie dabei! Die Online-Anmeldung ist schon freigeschaltet!

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