Digitalisierung: Die Technik muss kommunizieren können

„Digitalisierung gibt uns die Chance, die Medizin der Zukunft zu gestalten“, sagt Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium. „Wir verstehen immer besser, welche Therapie zu wem passt. Wir erkennen genauer, wann ein Arztbesuch notwendig ist oder ob die Medikamentendosierung bei chronischen Krankheiten angepasst werden muss.“

Technologisch geht es Ludewig derzeit insbesondere um Vernetzung und Kompatibilität, denn digitalisiert ist bereits manches in deutschen Kliniken und Praxen, aber überall mit verschiedenen Softwareprodukten und unterschiedlichen Standards. Deshalb will das Ministerium in einer Rechtsverordnung Schnittstellen zwischen technischen Systemen festlegen, die ab 2021 in den Praxen und ab 2022 in den Kliniken intelligente Vernetzung ermöglichen soll. „Eine Abschottung der Systeme wird dann zum Ausschluss aus dem Markt führen“, sagt Ludewig. Und das sei „ein wichtiger Schritt hin zu mehr Innovation im Gesundheitswesen.“

Das Gesundheitsministerium spricht von einer „systematischen Neuausrichtung“: So soll etwa mit dem flächendeckenden Einsatz der Nomenklatur Snowmed CT erreicht werden, dass medizinische Daten, die in einem medizinischen System erhoben werden, von einem anderen verstanden und ausgewertet werden können. Länder wie Österreich und die Schweiz setzen schon länger auf Snowmed CT. In einer Art Internet-of-Things werden medizinische Geräte dadurch immer besser miteinander kommunizieren können – und das so autonom wie möglich. Somit kann beispielsweise die Auswertung diagnostischer Daten durch künstliche Intelligenz zur Routine werden: Der Befund eines Patienten kann automatisiert mit den Krankheitsgeschichten zigtausender ähnlicher Fälle verglichen werden, um bestmögliche Therapieoptionen zu ermitteln.

Die zunehmende Bedeutung von Vernetzung und automatisierter Verarbeitung medizinischer Daten verändert auch Strukturen in der Gesundheitswirtschaft. Vor allem komplexe diagnostische Geräte können kaum noch von Leistungserbringern selbst betrieben und gewartet werden, denn Updates und Upgrades müssen in rasant ansteigendem Rhythmus implementiert werden, um den medizinischen Fortschritt für jeden zu behandelnden Patienten verfügbar zu machen. Systempartnerschaften sind daher im Kommen: Ein Krankenhaus kauft nicht mehr ein Röntgengerät, sondern es schließt einen Vertrag über die Nutzung neuester Röntgentechnik für einen bestimmten Zeitraum ab - der Hersteller trägt dann die Verantwortung für deren Bereitstellung und Wartung.

Vor wenigen Tagen erst hat etwa das Klinikum Lippe einen Vertrag über eine zehnjährige Systempartnerschaft mit Siemens Healthineers über die Bereitstellung und Bewirtschaftung von rund 150 Ultraschall- und bildgebenden Großgeräten abgeschlossen. Die immense Bedeutung solcher Systempartnerschaften zeigt sich insbesondere darin, wie das Klinikum Lippe den Abschluss öffentlich begründet: Der Vertrag sei Teil einer Gesamtstrategie, mit der das bisher kommunale Krankenhaus innerhalb weniger Jahre zu einem Teil des geplanten Universitätsklinikums Bielefeld werden möchte.

Das richtungsweisende Thema "Digitalisierung: Herausforderungen und Chancen für alle“ diskutieren beim Europäischen Gesundheitskongress München: Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium, PD Dr. Christian Elsner, Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz, Dr. Raimar Goldschmidt, Chief Digital Officer des Städtischen Klinikums Braunschweig, Dr. Katharina Ladewig, Managing Director der Initiative EIT Health Germany, und Dr. Stefan Schaller, Leiter des Deutschlandgeschäfts von Siemens Healthineers.

An zwei Tagen, dem 26. und 27. Oktober stehen viele weitere spannende und kontroverse Themen auf der Agenda des Europäischen Gesundheitskongress München. Dazu gehören die Lehren aus Corona, eine klügere Standortpolitik vor dem Hintergrund von Lieferengpässen bei Medikamenten und die Krise der Rehakliniken.

Erstmals findet der Kongress als virtualisierte Veranstaltung statt. Alle Sessions werden als Webseminar via GoToWebinar im Internet übertragen. Die Teilnahme ist kostenlos, nur eine Online-Registrierung ist erforderlich. Sie kann unter folgender Adresse vorgenommen werden:

www.gesundheitskongress.de/teilnahme

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