Coronakrise – Digitale Vernetzung im Gesundheitssektor: Chancen und Tücken

„Wir bemühen uns in Bayern um eine andere Kultur“, sagt Dr. Wolfgang Neber und fügt hinzu: „Wir wünschen uns einen Dialog mit den Leistungserbringern!“. Neber ist beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern für ein konfliktbelastetes Aufgabegebiet verantwortlich: die Krankenhausabrechnungsprüfung. Wo in anderen Bundesländern der Streit um falsch abgerechnete Krankenhauskosten schriftlich ausgetragen wird, plant der MDK Bayern künftig Videokonferenzen mit den Kliniken – möglichst konstruktiv, weil persönlicher, und mit mehr Lerneffekt für beide Seiten.

Das Projekt ist nicht das Einzige, bei dem die Corona-Pandemie als Treiber digitaler Vernetzung wirkt. Seit Mitte März durften die MDK-Mitarbeiter nicht mehr zur Begutachtung Pflegebedürftiger in deren Wohnung kommen. Zur Einstufung nach Pflegegraden wurden daher vom MDK Bayern bis Mitte Juni rund 64.000 strukturierte Telefoninterviews mit Betroffenen geführt - und die verlangten nur äußerst selten nach einem Hausbesuch. Nun wird beim MDK Bayern über eine Online-Plattform nachgedacht, mit der Angaben der Pflegebedürftigen effizient ermittelt werden können.

Im August wurde der Aufbau eines Gesundheitskompetenzzentrums im oberbayerischen Örtchen Amerang vertraglich fixiert. Dort will die Technische Hochschule Rosenheim in den kommenden Jahren untersuchen, wie eine Art Smart Home voller innovativer Technik pflegebedürftigen Menschen ein Leben in der eigenen Wohnung ermöglichen kann. Digitale Apps, die mit Sensoren verbunden sind, erinnern Bewohner an bestimmte Aufgaben, an offen gelassene Fenster und Türen, an nicht ausgeschaltete Geräte, regeln Temperatur und Beleuchtung der Wohnung, übertragen telemedizinische Daten an den Arzt oder geben Angehörigen in Notsituationen automatisch Alarm.

Die Protagonisten dieser Projekte stellen ihre Visionen auf dem Europäischen Gesundheitskongress München vor: Dr. Christine Adolph, Dr. Wolfgang Neber, Dr. Marianna Hanke-Ebersoll und Reiner Kasperbauer vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Bayern sowie Prof. Dr. Franz Benstetter, Prodekan der Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Rosenheim.

Lars Gottwald, Leiter der Business Teams der gematik GmbH, geht in seinem Vortrag näher auf den „vernetzte Versicherten“ ein. Weiterführend legt Prof. Ronald Richter vom Department Pflege und Management der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg dar, welche Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit zu stellen sind, wenn immer mehr Gesundheitsdaten über vernetzte Systeme ausgetauscht werden.

An zwei Tagen, dem 26. und 27. Oktober stehen viele weitere spannende und kontroverse Themen auf der Agenda des Europäischen Gesundheitskongress München. Dazu gehören die Lehren aus Corona, die viel diskutierte Struktur des Krankenhaussektors, eine klügere Standortpolitik vor dem Hintergrund von Lieferengpässen bei Medikamenten und die Krise der Rehakliniken.

Erstmals findet der Kongress als digitale Veranstaltung statt. Alle Sessions werden als Webseminar via GoToWebinar im Internet übertragen. Die Teilnahme ist kostenlos, nur eine Online-Registrierung ist erforderlich. Sie kann unter folgender Adresse vorgenommen werden:

www.gesundheitskongress.de/teilnahme

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