Bedroht der Morbi-RSA die Kassenlandschaft?

Wie wird die Reform des umstrittenen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs aussehen, die im kommenden Jahr ansteht? Das wird Thema beim Europäischen Gesundheitskongress München im Oktober sein.

Die Krankenkassen liegen im Streit um sehr viel Geld: Mehr als 220 Milliarden Euro, mithin rund 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts, zahlt der Gesundheitsfonds ihnen aus. Das Geld wird zu einem erheblichen Teil danach verteilt, wie viele Versicherte einer Krankenkasse an einer von 80 ausgewählten Krankheiten leiden. Dabei werden auch jeweils bestimmte vordefinierte Schweregrade der Erkrankungen berücksichtigt.

Die Diagnosen möglichst kranker Patienten bringen somit Bares für die Kassen – und entsprechend gibt es „Upcoding“: Versicherte werden auf dem Papier kränker gemacht, als sie sind. In einer Studie gaben 82 Prozent der befragten Mediziner an, schon einmal von einer Krankenkasse hinsichtlich der Diagnosestellung ihrer Versicherten beeinflusst worden zu sein. Untersuchungen zeigen, dass die erstmalige Berücksichtigung einer Krankheit im Morbi-RSA zu einem sprunghaften Anstieg entsprechender Diagnosen führen. So hat der BKK-Dachverband eine Statistik veröffentlicht, nach der sich nach Einbeziehung von Adipositas in den Morbi-RSA im Jahr 2012 die Zahl der gestellten Adipositas-Diagnosen mehr als verdoppelt hat. Waren es zu Beginn des Jahres 2012 noch etwa 750.000, meldeten die Kassen für 2015 über 1,8 Millionen Fälle.

Der wissenschaftliche Beirat des Bundesversicherungsamtes empfiehlt in Gutachten ein sogenanntes Vollmodell, bei dem nicht mehr nur 80 Krankheiten berücksichtig werden. Und er legt nahe, dass es künftig eine regionale Komponente geben sollte, die höhere Ausgaben der Kassen in teureren Regionen kompensiert – so wie es etwa die bayerische Landesregierung vehement fordert. Einer Allianz aus Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen sind solche Korrekturen nicht ausreichend. Sie monieren vor allem, dass als Resultat des Morbi-RSA eine deutliche Überdeckung der Kosten bei den AOKn entstanden sei. Ulrike Elsner, Chefin des Verbandes der Ersatzkassen, kritisiert: „Andere Krankenkassen erhalten über den Morbi-RSA seit Jahren viel zu geringe Zuweisungen. Sie sind gezwungen, höhere Zusatzbeiträge zu erheben“. Der BKK-Dachverband malt schon ein Horrorszenario aus: „Gesunde Versicherte wechseln zu den günstigeren Kassen. Eine Abwärtsspirale entsteht. Krankenkassen kämpfen um ihr Überleben. Insolvenzen drohen.“

Die anstehende Reform des Morbi-RSA diskutieren auf dem Europäischen Gesundheitskongress München: Prof. Dr. Volker Ulrich, Lehrstuhl VWL III für Finanzwissenschaft der Universität Bayreuth, Dr. Andreas Meusch, Direktor des WINEG - Wissenschaftliches Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Konstantin Beck, CSS Institut für Empirische Gesundheitsökonomie der Universität Luzern, Prof. Dr. Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, Dr. Dennis Häckl, Geschäftsführer und Institutsleiter der WIG2 GmbH - Wissenschaftliches Institut für Gesundheitsökonomie, und Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen.

Zu dem zweitägigen Kongress werden rund 1.000 Teilnehmer aus dem Krankenhaussektor, den Reha-Einrichtungen, der Ärzteschaft, der Pflege, den Krankenversicherungen sowie der Gesundheitspolitik erwartet. In 33 hochkarätig besetzten Kongress-Sessions diskutieren 150 Referenten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Estland und den Niederlanden zukunftsrelevante Fragen der Gesundheitspolitik. Nutzen Sie die Gelegenheit, mit den wichtigsten Entscheidern aus Politik, Verbänden, Versicherungen, Wissenschaft, Medizin, Pflege und Gesundheitswirtschaft zu diskutieren.

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