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Presse-Abschlussbericht
7. Europäischer Gesundheitskongress München

Gesundheitsfonds im Diskurs

MÜNCHEN (17. Oktober 2008). Rund 700 Klinikmanager, Ärzte sowie Vertreter der Krankenversicherungen, der Politik und der Gesundheitswirtschaft haben am diesjährigen 7. Europäischen Gesundheitskongress München teilgenommen. Im Mittelpunkt der knapp 100 Vorträge standen aktuelle Themen aus den Bereichen Gesundheitspolitik, Krankenhäuser, Rehabilitation und Kur sowie Krankenversicherungen.
Gegenstand der Eröffnungsveranstaltung war der bevorstehende Gesundheitsfonds. Der Vorstandschef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), Professor Herbert Rebscher, bezeichnete den Fonds als einen „gefährlichen Irrweg“.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) spreche von mehr Wettbewerb und fordere dann im Frühstücksfernsehen die Fusion von Krankenkassen, „Das ist einfach Quatsch“, so Rebscher. „Wir sind auf geradem Weg zu einem staatlich regulierten System.“
Ministerin Schmidt habe den Ärzten und Krankenhäusern zusammen rund sechs Milliarden Euro mehr versprochen und werde zum Monatsende den einheitlichen Beitragssatz von 15,5 Prozent für alle gesetzlichen Krankenkassen per Verordnung verkünden: „So etwas entscheidet jetzt komischerweise die Politik“, kritisierte der DAK-Chef.
Die jüngste Gesundheitsreform – das „GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz“ – vereine die Nachteile der Gesundheitspolitik von SPD und Union. „Spätestens in einem halben Jahr wird jede der beiden Parteien Wahlkampf gegen den Gesundheitsfonds machen. Dann haben wir eine Neuauflage des Streits Kopfpauschale versus Bürgerversicherung.“
Preiswettbewerb weiterhin möglich
Der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Dr. Klaus Theo Schröder, wies die Kritik am Fonds zurück. Die Situation sei paradox: Die Krankenkassen bekämen im kommenden Jahr knapp 11 Mrd. € mehr und würden dennoch das Klagelied anstimmen. Der Fonds schränke den Wettbewerb unter den Kassen nicht ein, sondern ermögliche ihn erst.
„Trotz des einheitlichen Beitragssatzes ist ein Preiswettbewerb weiterhin möglich.“ Kassen, die gut haushalten würden, könnten ihren Versicherten Prämien zurückzahlen.
Angekündigt hat dies bereits die Bochumer Knappschaft, was wiederum DAK-Chef Rebscher auf den Plan rief. Die heute schon in Aussicht gestellten Prämienzahlungen an Versicherte „sind nur Marketingsprüche“.
Wegen fehlender Daten über den geplanten Risikostrukturausgleich könne noch keine Kasse wissen, wie viel Geld sie letztlich erhalten werde. „So viel Kalkulationsunsicherheit wie jetzt gab es noch nie. Jede Kasse weiß, was sie in den Fonds einzahlt, aber nicht, was sie an Geld zurückbekommt.“
Der Gesundheitsökonom und wissenschaftliche Leiter des Kongresses, Professor Günter Neubauer, bezeichnete Bayern als „Verliererland“ des Fonds. Die so genannte „Konvergenzklausel“, die die Abflüsse begrenzen sollten, sei nicht erfüllt.
Gesundheitsunternehmer brauchen Kapital
Auf großes Interesse stieß der Workshop „Kapital für Gesundheitsunternehmen!“. Unternehmer, auch die in der Gesundheitswirtschaft, bräuchten Kapital, um in interne Prozesse und Strukturen zu investieren und so ihre Marktposition zu verbessern. „Nur wer frei investieren kann, ist auch ein erfolgreicher Unternehmer“, sagte Ökonom Neubauer.
Viele Kliniken seien auf staatliche Finanzierung angewiesen. „Keine angenehme Situation, denn die Investionen der öffentlichen Hand fallen immer geringer aus.“ Da ändere auch die aktuelle Finanzspritze in Höhe von 3,5 Milliarden Euro nichts. Angesichts der aktuellen Bankenkrise werde es finanziell angeschlagenen Krankenhäusern schwerer fallen, neue Kredite zu bekommen.
Die Finanzkrise werde sich nicht unmittelbar auf den Gesundheitsbereich auswirken, sagte der Frankfurter Finanzexperte Marcus Bracklo, Partner bei Baigo Capital. Die Branche sei weniger „konjunkturabhängig“ als beispielsweise die Automobilindustrie.
Komme es zu einer Rezession und damit zu einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit, dann habe dies aber auch Folgen für das Gesundheitswesen, da weniger Beiträge an die Krankenversicherungen fließen. Der Verteilungskampf nehme dann zu. Auch Privatisierungen im Klinikbereich seien wahrscheinlich.
Europäische Gesundheitswirtschaft noch nicht Realität
Deutlich wurde beim Kongress auch: Die 27 EU-Mitgliedsstaaten wachsen zwar politisch und kulturell zusammen. Doch von einer „europäischen Gesundheitswirtschaft“ kann noch lange nicht die Rede sein. Angebote im Selbstzahlerbereich wie etwa Wellness oder Kur würden zwar mittlerweile grenzüberschreitend von den EU-Bürgern wahrgenommen.
„Was den Bereich der staatlich finanzierten Gesundheitsleistungen anbetrifft, sind wir aber weit entfernt von einer europäischen Gesundheitswirtschaft“, sagte Dr. Clemens Martin Auer, Sektionsleiter im österreichischen Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend. Selbst wenn eine Leistung im Ausland billiger sei, werde die Rechnung dafür von der heimischen Krankenkasse nicht übernommen, „weil sie dafür längst ins eigene System eingezahlt hat“.
„Comeback der Natur“
Weiteres Thema beim Kongress war die zunehmende Bedeutung von pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka). Der Vorstandsvorsitzende der Bionorica AG, Professor Michael Popp, sprach in diesem Zusammenhang von einem „Comeback der Natur“. 81 % der Menschen in Deutschland wünschten sich die „Naturmedizin als Primärmedizin“, so Popp. Entscheidend sei, dass die Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel durch Studien untermauert sei. Seit 2004 werden pflanzliche Arzneimittel von den Krankenkassen nicht mehr kostenerstattet.
Der AOK-Vorstandsvorsitzende Dr. Hans-Jürgen Ahrens berichtete, dass die AOK ihren Versicherten einen entsprechenden Wahltarif anbiete, über den Phytopharmaka erstattet werden. Aktuellen Schätzungen zufolge setzen derzeit rund 100 Phytopharmaka-Hersteller auf dem deutschen Markt jährlich rund 800 Mio. € um. Die Gesamtausgaben für Arzneimittel liegen in Deutschland bei knapp 26 Milliarden Euro.

Der 8. Europäische Gesundheitskongress München ist für den 22. und 23. Oktober 2009 geplant. Informationen demnächst unter www.gesundheitskongress.de
Pressekontakt: Thomas Hommel, WISO S. E. Consulting GmbH, Nymphenburger Str. 9., 10825 Berlin, Mail presse@wiso-gruppe.de, Internet www.wiso-gruppe.de


Nachlese des 6. Europäischen Gesundheitskongresses 2007

Nachlese des 5. Europäischen Gesundheitskongresses 2006

Nachlese des 4. Europäischen Gesundheitskongresses 2005

 
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