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„In einem grenzenlosen ?____ Herr Professor Neubauer*, wird im deutschen Gesundheitswesen zu viel reguliert? Anders formuliert: Gibt es Länder in Europa, wo das Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Regulierung stimmt und von denen sich lernen lässt? Neubauer: Die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Regulierung wird in allen europäischen Ländern gestellt, jedoch auch in allen europäischen Ländern unterschiedlich beantwortet. Insofern gibt es keine Kopiervorlage für Deutschland. Man muss aber auch wissen, dass auch in Deutschland selbst die Frage nach dem Gleichgewicht je nach Regierungskoalition unterschiedlich beantwortet wird. Dies trifft auch für andere europäische Länder zu. Von daher scheint es kein allgemeingültiges und dauerhaftes Gleichgewicht zwischen Wettbewerb und Regulierung zu geben. Es kommt für Deutschland darauf an, in den verschiedenen Ländern jene Module und Elemente zu beobachten, die für unser eigenes Gleichgewicht eine Rolle spielen könnten. So kann man im Ausland etwa lernen, welche Effekte durch Zuzahlungsmodelle zu erwarten sind. Auf diesem Gebiet haben nahezu alle europäischen Länder Erfahrungen aufzuweisen. Eine systematische Auswertung kann hier jedem Land eigene Experimente ersparen. ?____ Das große „Kliniksterben steht bevor“, „Krankenhäuser auf dem Krankenbett“ – so oder ähnlich lesen sich derzeit viele Prognosen zur Zukunft der 2.100 Kliniken in Deutschland. Panikmache oder realistisches Szenario? Neubauer: In der Tat ist die Krankenhausversorgung in Deutschland im Umbruch. Verglichen mit europäischen Nachbarländern werden in Deutschland zu viele Patienten im Krankenhausbett behandelt. Da sich das weniger auf die medizinische Notwendigkeit als auf das System der Krankenhausversorgung und –vergütung zurückführen lässt, können wir hier sicherlich eine ähnliche Entwicklung wie in anderen europäischen Nachbarländern erwarten, nämlich, dass etwa 30 bis 40 % unserer Krankenhauspatienten auch ohne Krankenhausbett behandelt werden könnten. Dies hieße aber auch, dass etwa 30 bis 40 % der Krankenhausbetten für die Versorgung dann nicht mehr erforderlich sind. Auf der anderen Seite steht, dass die älter werdende Bevölkerung tendenziell mehr Krankenhausleistungen in Anspruch nehmen wird. Von daher ist ein gewisser kompensatorischer Effekt zu dem Freisetzungseffekt, der oben beschrieben wurde, zu erwarten. Gleichwohl wird es so sein, dass die Krankenhäuser, gemessen an ihren Betten, schrumpfen werden. Dies gilt freilich nicht gemessen an der Zahl der Menschen, die in und am Krankenhaus behandelt werden. Das heißt aber auch, dass die Schrumpfung weniger das diagnostische und therapeutische Personal erreichen wird, sondern vielmehr, dass die Hotelkomponente der Krankenhäuser in erster Linie schrumpfen dürfte. Zu erwarten ist auch, dass der schrumpfenden Hotelkomponente der Krankenhäuser eine Expansion von Patientenhotels gegenüberstehen dürfte. In solchen krankenhausnahen Patientenhotels werden Menschen zum großen Teil auf eigene Rechnung übernachten; einerseits um sich Wege zu sparen, andererseits aber auch, um Risiken zu reduzieren und schließlich, um schlichtweg versorgt zu sein, weil zu Hause keine familiäre Unterstützung gegeben ist. Meine Vorhersage ist also weniger ein Schrumpfungs- als ein tief greifender Umstrukturierungsprozess. ?____ Sie sprechen vom Krankenhaus als „Gewährleister“ und nicht mehr als Leistungserbringer. Worin liegt der Unterschied? Neubauer: Wenn das Krankenhaus als Gewährleister und nicht mehr als Leistungserbringer auftritt bedeutet dies, dass das Krankenhaus die Leistungen nicht mehr selbst erbringt, wohl aber die Leistungserbringung organisiert und gewährleistet. Der Leistungserbringer unterscheidet sich vom Gewährleister dadurch, dass er die Leistung selbst erbringt, während der Gewährleister die Leistung von anderen erbringen lässt und selbst die Leistungen nur als Generalunternehmer managt. Schon heute sind die Krankenhäuser in weiten Bereichen als Gewährleister tätig, etwa dann, wenn sie die Küchenversorgung im Krankenhaus an Dritte abgegeben haben, die Reinigungsdienste oder auch die technischen Dienste nicht mehr selbst durchführen, aber gleichwohl den Patienten gewährleisten, dass diese Leistungen zur Verfügung gestellt werden. Im Krankenhaussektor ist vor allem zu fordern, dass der Staat sich auf eine Rolle als Gewährleister zurückzieht und die Leistungserbringung abgibt. ?___ Um überleben zu können auf dem Bettenmarkt, heißt es immer wieder, müssten Prozesse optimiert werden. Wie können hier moderne Informationstechnologien helfen? Die Prozesse in den Einrichtungen werden doch von Ärzten und Pflegenden gesteuert, nicht vom Computer? Neubauer: Um im Krankenhausmarkt überleben zu können, müssen, wie auch in anderen Wirtschaftsbereichen, die Prozesse optimiert werden. Wer die Prozesse am besten optimiert, kann einerseits die niedrigeren Kosten und andererseits die höhere Qualität ausweisen. Hierbei ist die moderne Informationstechnologie ein absolutes Muss. Die Vielzahl an Informationen, die im Krankenhaus immer noch per Papier transportiert und aufbewahrt werden, lassen sich alle vortrefflich digitalisieren. Aber anders als Papier, sind digitalisierte Informationen an jeder Stelle des Krankenhauses für Berechtigte verfügbar. Das heißt, diese Informationen werden sehr viel intensiver genutzt und helfen die Prozesse zu optimieren. Selbstverständlich können auch computergesteuerte Prozesse von den einzelnen Menschen gestoppt, abgewandelt oder auch gar nicht befolgt werden. Allerdings muss jeder der dies tut wissen, dass er in eine Beweispflicht kommt und nicht willkürlich handeln kann. ?___ Ein Schwerpunkt beim Kongress ist die Zukunft der Rehabilitation, in Deutschland und europaweit. Insider sagen,, der Trend gehe in Richtung „Ambulantes Rehazentrum“, mitten in der Stadt gelegen, gut ausgerüstet mit moderner Technologie, auf jeden Fall weit weg von den drei Wochen Rehabilitation in den Bergen. Wie lautet Ihre Prognose? Neubauer: Für die Rehabilitation gilt, ähnlich wie für die Krankenhäuser, dass auch hier eine Umstrukturierung der Leistungserbringer, aber auch der Leistungsprozesse ansteht. Wie Sie schon in der Frage andeuten, wird man ein Gutteil der heute stationär erbrachten Reha-Leistungen in Zukunft auch ambulant und wohnortnah erbringen können. Ein zweiter Ansatz ist darin zu sehen, dass die Form, in der die Reha heute erbracht wird, nämlich meistens als ein Drei-Wochen-Block, ebenfalls zu hinterfragen ist. Ich bin überzeugt, dass eine Aufsplittung der Drei-Wochen-Block-Reha in drei Mal eine Woche mit bestimmten Zeitabständen bei vielen Patienten mehr nachhaltige Wirkung erzielen lässt, als das heute der Fall ist. Schließlich könnte auch zwischen den „Rehabilitationspausen“ der Patient von seiner Klinik per Telematik weiter betreut werden, um dann, wenn er wieder in das Rehabilitationszentrum zurückkehrt, eine Auffrischung seiner Motivation sowie auch seiner Fähigkeiten zur Rehabilitation zu erfahren. Heute müssen wir feststellen, dass die Rehabilitation zwar wirkt, aber mit Abschluss der Rehabilitation sich die Wirkung wieder sehr schnell verflüchtigt. Schließlich macht es auch Sinn, dass stationäre Reha und ein wohnortnahes, ambulantes Reha-Zentrum in Kooperation den Patienten betreuen. Auf diese Art und Weise ließe sich ebenfalls ein nachhaltigerer Effekt erzielen, als wenn der Patient jeweils nur für drei Wochen rehabilitiert wird und dann wieder sich selbst überlassen bleibt. ?___ Traditionell werden auf dem Münchner Gesundheitskongress viele neue Kontakte unter den Playern der Gesundheitswirtschaft geknüpft, insbesondere zwischen denen, die Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sind. Welche Chancen sehen Sie für die grenzüberschreitende Patientenversorgung? Neubauer: Der Europäische Gesundheitskongress hat von vornherein den Anspruch erhoben, auch über die Grenzen hinweg zu denken, und auch über die Grenzen hinweg Kontakte aufzubauen und zu unterstützen. Von daher nimmt immer ein Gutteil der Tagung die grenzüberschreitende Betrachtungsweise ein. Auch diesmal haben wir wieder aus grenznahen Regionen eine Reihe von Referenten gebeten, über ihre Erfahrungen zu berichten. Es ist gar keine Frage, dass im grenzenlosen Europa sich neue Versorgungswege ergeben. So werden ländliche Gebiete, die in der Nähe einer Großstadt jenseits der Grenze liegen, zum guten Teil von der jeweiligen Großstadt mitversorgt, unabhängig von der jeweiligen Grenze. Dies gilt etwa für Basel, das das südliche Baden, für Salzburg, das die angrenzenden oberbayerischen Gemeinden mitversorgt, oder auch für Innsbruck, das Südtirol mit Universitätsleistungen versorgt. Diese Aktivitäten werden von uns Jahr für Jahr beobachtet und in der Tagung aufgegriffen und auf die gemachten Erfahrungen hin diskutiert. Diese gute Tradition soll auch bei diesem Kongress fortgesetzt werden. Ein Blick in das Programm zeigt, dass wir an vielen Stellen die grenzüberschreitende Kooperation sowohl bei den Vortragenden als auch in Arbeitskreisen fest verankert haben. * Prof. Dr. Günter Neubauer ist Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomie an der Bundeswehr Universität München und wissenschaftlicher Leiter des 6. Europäischen Gesundheitskongresses München, der am 11. und 12. Oktober im Hotel Hilton München-Park stattfindet.
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